100 Jahre SPD Bischofsheim

Es war nicht nur für Bischofsheim, sondern für die Region ein schicksalsträchtiger Tag. Für Vertreter der Kirche und des katholischen Zentrums war es wohl eine Katastrophe, für viele Arbeiter ein Hoffnungsschimmer: Am 8. September 1911 wurde in Bischofsheim der erste SPD-Ortsverein in der gesamten Region gegründet. Bis es vor genau 100 Jahren so weit war, galt es große Schwierigkeiten zu bewältigen. Wie Albrecht Finger in seiner Chronik zum 100. Geburtstag der Bischofsheimer SPD schreibt (wir berichteten), war es zum einen die Geistlichkeit, die das Aufkommen sozialdemokratischen Gedankenguts erschwerte, indem sie den Gläubigen verbot, Versammlungen ihrer „Todfeinde“ zu besuchen. Zum andern gingen örtliche Zeitungen mit keiner Zeile auf irgendwelche sozialdemokratischen Bestrebungen ein. (Main-Post)

Herkunft und Aufbruch

Wie schwierig es für die Sozialdemokratie war, in der Rhön Fuß zu fassen, mag ein Bericht des Arbeitersekretärs Fritz Soldmann aus Schweinfurt auf dem 7. Gautag der SPD Nordbayern am 08.08.1911 verdeutlichen. Soldmann beschwert sich, dass vor allem die Geistlichkeit auf dem Lande versuche, sozialdemokratische Versammlungen zu boykottieren. So habe der Pfarrer von Brendlorenzen wörtlich gesagt: „Die heute im Gasthaus zum Goldenen Stern stattfindende Versammlung ist eine sozialdemokratische. Bauern! Bleibt der Versammlung dieser Eurer Todfeinde fern!“ Kein Wunder also, wenn sich im Geschäftsbericht der nordbayerischen SPD von 1902/04 die Feststellung findet, dass es noch nicht gelungen ist, im Reichstagswahlkreis Neustadt-Kissingen einen sozialdemokratischen Verein ins Leben zu rufen. Doch war man zuversichtlich, „in dem verzweigten Kreise in nächster Zeit zwei Sektionen zu gründen“. Der Wahlkreis, so der Geschäftsbericht, „ist wegen der ungenügenden Verkehrswege schwer zu bearbeiten“.

Der Wahlkreis Neustadt-Kissingen war somit der einzige in ganz Franken, der bis Ende 1907 über keinen Ortsverein verfügte. Vorhanden waren indes in der gesamten bayerischen Rhön 60 Einzelmitglieder. Einzig im damals thüringischen Ostheim v. d. Rhön war es 1905 zur Gründung eines SPD-Ortsvereins gekommen. So sehr sich der für dieses Gebiet zuständige spätere Reichstagsabgeordnete Fritz Soldmann aus Schweinfurt auch abmühte: Dieses Gebiet stellte lange Zeit eine politische Diaspora für die Sozialdemokraten dar.

▶ Josef Kirchner (Hoteldiener) ist nachweislich das bisher älteste SPD-Mitglied in Bischofsheim. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Stadtrat und 2. Bürgermeister.

So dauerte es noch bis zum Jahr 1911 bis der Boden für die Sozialdemokratie soweit geebnet war, dass auch in Bischofsheim ein Ortsverein gegründet werden konnte. Bereits vorher gab es in Bischofsheim 24 SPD-Mitglieder, wie aus dem Geschäftsbericht von 1911 zu entnehmen ist. Die Wegbereiter waren zweifellos die Bischofsheimer Richard Dreisch und der Genosse Barthelmes. In der sozialdemokratischen Tageszeitung „Fränkischer Volksfreund“ werden sie mehrfach als Redner bei Versammlungen in Bischofsheim erwähnt.

Aus: Geschäftsbericht der Sozialdemokratischen Partei Nordbayerns 1909–1911

Eines der aktivsten Mitglieder scheint der Genosse Barthelmes gewesen zu sein. Bereits 1906 taucht er als Delegierter für den Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Bayerns auf. Dieser am 4. und 5. März stattfindende Parteitag wurde als einer der Höhepunkte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts bezeichnet. Als Delegierte wurden aus Schweinfurt die Genossen Lang, Säckler, Hoffmann, Soldmann, Weichsel und Baumbach, sowie der Genosse Barthelmes aus Bischofsheim gewählt.